Hamburg Horn - Das Horner Moor

Harro Remmert gewann 1973 mit Athenagoras das Deutsche Derby
Harro Remmert gewann 1973 mit Athenagoras das Deutsche Derby

 

Hat uns die schönsten und aufregendsten Momente auf einer Rennbahn beschert, aber der Reihe nach. 1973 wohnte ich noch in Hannover, ging dort zur Schule und auf die neue Bult nach Langenhagen, und machte am 18. Geburtstag pünktlich den Führerschein. Das war im Mai. Am ersten Juli Sonntag brach ich mit Freund Pilo, den wir schon von der Alten Bult her kennen, gen Hamburg auf, mit einem sandfarbenen 1300er  Käfer. Dessen Auspuffrohre hatten keine Siebe mehr, Basistuning für Schüler, und machten daher etwas mehr Lärm. Aber nicht viel. Jedenfalls fuhren wir also nach Hamburg, um Athenagoras im Derby zu sehen, den gefallenen Engel aus der Union. Aber im Otto Schmidt Rennen, eine Woche vor dem Derby, war er wieder da, nachdem er bereits im Hertie Preis in München den Jahrgang dominiert hatte. In Hamburg war es dann sehr warm am 2. Juli, und wir parkten in dieser kleinen Straße gegenüber dem Haupteingang. Heute ist das völlig undenkbar, aber damals ging das jahrelang sehr gut, wenn man bereit war, die Reifen auch mal quer auf den Bordstein zu stellen. Oder in ein Schlagloch neben dem Fahrradständer. Es gab keine Zeltstadt, keine Videowand (wozu auch), und überhaupt ging es ausgesprochen sportlich direkt zu. Es gab einen echten Aufgalopp, und der im Jahr 1973 war der beste, den ich jemals erlebt habe. Jeder einzeln die Gerade runter, Beifall und Klatschen, und dann kam in der Erinnerung als letzter Athenagoras, und Harro Remmert konnte ihn kaum festhalten vor Druck, und die Leute rannten völlig aufgepeitscht von diesem Bild in Scharen zurück zum Toto, um noch mal drauf zu stellen. Ungeheuer, wie der abging, schwarz und fast beleidigend gut aussehend.

Die Pferde im Wandsbeker Bogen
Die Pferde im Wandsbeker Bogen

Und so hat er dann das Derby gewonnen, völlig überlegen, der erste Zoppenbroicher Derby Sieger, und der beste Jockey seiner Zeit saß drauf, Harro Remmert, der ohne seinen schrecklichen Unfall den Sport sehr lange dominiert hätte. Alles passte an diesem Tag, und da dachte ich, daß ich das gern öfter erleben würde. Also bin ich seitdem jedes Jahr hingepilgert, erst aus Hannover, später aus dem Hamburger Westen. Und wenn es auch seitdem großartige Sieger gegeben hat, möglicherweise auch bessere, es hat keinen eindrucksvolleren gegeben als diesen, der auch noch den Rekord von Nereide einstellte, 2.28,2 oder so ähnlich.

 

Es gab aber zwei Jahre später bereits den anrührendsten Moment aller Zeiten, als Jose Orihuel nach dem Sieg mit Königssee, eingerahmt von den Schimmeln, überhaupt nicht mehr die Tränen  halten konnte und Sturzbäche der Rührung vergoß, den ganzen Weg vorbei an den Tribünen und zurück, wo ganz Hamburg Gestüt Hohe Weides Derby Sieger feierte, sentimentales Vermächtnis eines Hamburger Besitzers und trainiert von Adolph Wöhler in der Bremer Vahr. Der auch den großen Surumu trainierte, auf dem George Cadwaladr 1977 weit vor dem Ziel die Hände runter nehmen konnte, und der dann Jahre später nach der Karriere als Deckhengst vor den Tribünen paradierte. Und es gab Königstuhl, der wesentlich deutlicher gegen Nebos gewann, als man immer so gern erzählt, aber der Film ist unbestechlich.  Und alle anderen.

 

Die Pferde vor der Tribüne in Hamburg Horn
Die Pferde vor der Tribüne in Hamburg Horn

Das Horner Geläuf hat seinen Namen zu Recht, aber im Juli regnet es auch woanders, oder es ist heiß. Aber nirgendwo kommen bis zu fuffzichtausend, und auf keiner anderen Bahn ist das  Deutsche Derby vorstellbar. Denn dies ist eine Bahn ohne Trainingsanlage, alle reisen an, niemand hat einen Standortvorteil, und das Publikum ist das großartigste, das es gibt. Man sieht schlecht, mit den Jahren immer schlechter, es geht beengt zu, der Innenraum mit Waage und Führring ist schwer erreichbar, und die Trennung der Klassen ist fast nirgendwo so deutlich und rasiermesserscharf wie hier. Aber das Volk macht das Derby groß, die Hamburger, die ihre Liberalität und Unbefangenheit machtvoll in die Waage werfen, um diesem Ereignis einen würdigen Rahmen zu verpassen. Manfred Chapmann hat diesen Platzgeist erfaßt, und jedes Jahr wiederholt sich diese unvergleichliche Dramaturgie von Bildern und Tönen, sein gedämpftes Flüstern vor dem Start, sein fast beschwörendes Abzählen und Abhaken der Preliminarien, der komplette Count Down, und dann das erlösende Stellllt!, wie man meint zu hören, welches übergeht in die Kavalkade zum ersten mal am Ziel vorbei, diesem Gedonnere der Hufe mit dem anschwellenden Roar der Kulisse, den es nur hier und beim Derby gibt. Und den unvergleichlichen Bildern von unverbrauchter Kraft in den Wandsbecker Bogen. Dann

Pik König gewinnt für das Gestüt Idee im Jahr 1992 das Deutsche Derby
Pik König gewinnt für das Gestüt Idee im Jahr 1992 das Deutsche Derby

Dann sortiert sich diese Zusammenballung, es wird weiter als Bild, Schwerpunkte formieren sich, und Chappie fängt an, das Rennen zu lesen. Das ist Mitte gegenüber. Ende gegenüber sondert sich die Spreu vom Weizen, die Dinge werden entscheidender, wie damals, als Windwurf innen in die Hecke gedrängt wurde, und das Rennen vorbei und vertan war. Oder als Belenus nach einem Moment der Schwäche neue Kraft tankte, weil Kevin Darley erkannte, das eine Verschnaufpause möglich war, denn Banyumanik vorne war als Meiler platt. In der Geraden geraten die Dinge dann ins Stakkato, es brodelt und zischt, außen schürft Pik König die Farbe von den Rails, Orofino geht auf Weile vom Feld, Ordos kommt Nandino in die Quere, und Ako und Arcosanti fechten den Kampf der letzten Außenseiter aus. Alles passiert. Es gewinnen der junge Frankie Dettori, der mittelalte Peslier, es hat gewonnen damals Pigott, und niemals haben gewonnen Fritz Drechsler, Peter Remmert, Peter Schiergen. Vielleicht gewinnt Terence Hellier noch mal, hoffentlich Eddie Pedroza. Sie planen eine neue Bahn in Hamburg Horn. Dann ist das alles Geschichte.