Alte Bult

Der Rennbetrieb auf der "Großen Bult" wurde 1970 eingestellt
Der Rennbetrieb auf der "Großen Bult" wurde 1970 eingestellt

Die alte Bult heißt heute so, weil es seit 1973 eine neue Bult gibt, in Langenhagen, einem Vorort von Hannover. Die richtige Bult liegt in der Eilenriede, dem hannöverschen Stadtwald, und grenzt an das Bischofshol, einem Knotenpunkt von Waldwegen mit Gartenlokal. Die Bult war eine der allerschönsten Rennbahnen hierzulande; heute trainiert nur noch Herr Stolberg seine Pferde dort, weil ansonsten das Gelände als Bauland für IBM vorgesehen war, die dann aber doch lieber nicht dort eingezogen sind, so daß die ganze Aufregung Anfang der siebziger umsonst war.

 

Wie auch immer, die Bult ist perdu, obwohl man von der Brücke am Bischofshol auch heute noch ganz gut das layout der Bahn erkennen kann. Die Tribünenlandschaft hingegen, Führring und andere Gebäudlichkeiten, sind völlig verschwunden. Gegenüber von der Rennbahn, auf der nördlichen und anderen Straßenseite, domiziliert Arminia Hannover, einst ein Fußballverein von immenser Strahlkraft, der so große Künstler wie Lothar Ulsaß und Amigo Elfert hervorgebracht hat, die den Verein aber schnöde im Stich gelassen haben und zu Eintracht Braunschweig gewechselt sind. Aber das ist lange her, wie auch die Lokaldderbies gegen 96. Und auch der ECH als Eishockeytruppe, die am Pferdeturm!!! gegen Peiting und Herne zugange waren (Esko Kaonpää, Peter Graf, Bobby Arnold) heißen jetzt Scorpions, kommen aus Wedemark, und spielen irgendwo auf dem Messegelände. Ich erwähne diese Dinge, weil sie den Zeitgeist der späten sechziger und frühen siebziger erfassen, sowie die geographische Nähe dieser Sportstätten, die mir alle sehr am Herzen lagen. Beim ECH habe ich sogar mal zwei Winter Eishockey gespielt, um dann aber zum Rasenhockey zu wechseln, wo es weniger heftig zuging. Dazu der tägliche Weg zur Schule, zur Tellkampfschule am Maschsee, der von Kleefeld durch die Eilenriede am Bischofshol vorbei führte, und dann entlang der Gegenseite der Bult, 10 Meter vom Geläuf entfernt. Natürlich mit dem Rad, oder Rade, wie meine streng protestantische Oma zu sagen pflegte, deren calvinistische Einstellung leider nicht mit dem Rennsport in Einklang zu bringen war, was sie wiederum auch ihrer Tochter beibrachte, die meine Leidenschaft für den Galopprennsport ein Leben lang mit der Sentenz „Wer wetten will, der will betrügen“ begleitete. Aber so sind die protestantischen Landfrauen aus Anderten. Meine Oma verbrachte einen Großteil ihres 94zig jährigen Lebens an der frischen Luft, „Bin im Garten, komme gleich wieder“ hing säuberlich handgeschrieben ein uralt Pappschild fast ununterbrochen im Fenster des ländlichen Anwesens. Immerhin werden Galopprennen draußen veranstalt.

 

Die Bult war ein einmaliges Ensemble aus alten Bäumen, Kieswegen und hölzernen Gebäuden, dazu ein weiträumiges Geläuf und der Wald als Kulisse. Hoppegarten nicht unähnlich, natürlich etwas kleiner und weniger ziegelsteinhaftig. Die ganze Anlage strahlte eine großbürgerliche Ländlichkeit aus, nicht protzig, sondern gemütlich und heimelig. Da ging man gerne hin. Mein erster Besuch war wohl so etwa 1968, und wäre fast im Desaster geendet. Denn mein Freund und Mentor Pilo, der als älterer Roller fahren durfte, hatte mich als Sozius mitgenommen, weil er wiederum von seinem wettversierten Opa einen heißen Tipp bekommen hatte, Aprilsturm im ersten Rennen, und wir mitten auf der Brücke mangels Benzin mit dem Roller liegen blieben, also zu Fuß die letzten Meter zum Totoschalter hetzten, jeder Zweimarkfuffzich auf Platz setzten, und dann erlebten, wie Aprilsturm mit Weile gewann und 11 auf Platz zahlte. So ging das damals los. Aber wir waren nicht die Einzigen, denn sogar der Direktor der Tellkampfschule, Herr Paul Ellwanger, war ein Anhänger des Sports und der Wetterei, wovon man sich jeden Renntag aufs Neue überzeugen konnte. Einmal, an einem heißen Sommertag, geschah das Unglaubliche: Schuldirektor Ellwanger wurde an einem Totoschalter nach einem Rennen gesehen, wo er einiges an Geldscheinen überreicht bekam, diese ohne Hast zusammenrollte, und dann in die jetzt fett gewölbte Brusttasche seines Hemdes steckte. Zwei Wochen später kam er in einem funkelnagelneuen BMW 2000 zur Schule. So was weckt Begehrlichkeiten bei Schülern, und in der Folge wurde der Wetterei viel Aufmerksamkeit geschenkt, viel mehr als heute, wo sich deutlich die Gesamtveranstaltung als Erlebnis in den Vordergrund gespielt hat.

 

Der Hannoversche Rennverein unterhielt auch jahrelang eine Außenwettannahmestelle in der Innenstadt, soweit erinnerlich eine dumpfe Stube im 1. Stock eines Eckhauses nähe Berliner Allee. Da konnte man auswärtige Rennplätze bewetten, und die ganz Arrivierten durften sich ein Wettkonto führen lassen und telephonisch Wetten aufgeben. Die anderen gingen entweder zu Albers in die Packhofstraße oder zu Günther Bohn in die Marienstraße, kurz vor dem Aegi. Wo heute ein Fielmann Laden Sehhilfen  verhökert, hatte Günther Bohn ein kleines Ladenlokal, eine verräucherte viereckige Butze, in deren rechter hinterer  Ecke ein abgetrennter Tresen eingebaut war, hinter dem der Inhaber seinem Geschäft nachging. Der Mann war ein idealtypischer Kleinbeamter, kurz und gedrungen, Strickweste, fast kahler Schädel, Kassenbrille. Dazu eine saubere Handschrift, mit welcher er seine grünen Abrisswettzettel ausfüllte. Alles ganz ohne Computer und digits. Rechts hielt er einen Telephonhörer ans Ohr, und die Linke hielt ein Mikrophon vor den Mund, mit dem er simultan den rechts gehörten Rennverlauf mehr nuschelte als sprach. Dazu kamen ganz reizende Eigenheiten der Betonung von Pferdenamen. Unvergessen eine Reportage mit Ostermanns Galaxor und Fährhofs Honduras in den frühen Siebzigern. Die ging etwa so: „Gal lla xoooor, Hon     du   rasssssss etc.“  Oft stockte der Nuschelfluß sekundenlang, wenn sich das Geschehen zu intensiv abspielte, und er erstmal wieder den Faden aufnehmen musste. Da konnte es dann vorkommen, daß ganz auf einmal andere Pferde vorne waren, als diejenigen zum Schluß der vorherigen Reportage Sequenz. An den Wänden hingen vereinzelt Schwarzweiß Photographien von Größen des Sports, keinem erkennbaren System geschuldet. Da waren Kronenkranich und Waidmann und Luciano und Arratos. Das Publikum kam oft mit dem Fahrrad und selten mit dem PKW, und echte Reichtümer machten wohl weder die Wetter noch Günther Bohn. Aber er war ein echter Buchmacher, und so ab Weihnachten machte er sich an die schwere Arbeit des Handicapens der nächsten Derbypferde, denn die Kundschaft wollte bereits jetzt Festkurse. Und die gab er, wenn auch mürrisch. Damals war das Derby ein schweres Rätsel, aber man konnte sich ein Bild machen, weil der Winterfavorit noch was galt, und weil überhaupt die Rennen der Zweijährigen noch nicht so verseucht waren durch die Auktionsrennkrankheit, die soviel Unheil gebracht hat.

 

Alles in Allem war das eine schöne Zeit, wenngleich sich die Erinnerungen nur neblig und anekdotenhaft einstellen. Lokale Pferdenamen sind in meinem Gedächtnis weitgehend untergegangen, dito Reiter und Trainer, wenn man von Schütz und Sprengel und Michaels und Zimmermann mal absieht. Und Stall Steintor, auch Stall Würstchen genannt, weil das Haus Seiler eine Schlachterei betrieb sowie einen beliebten Stehimbiss am Namen spendenden Steintor.  Vom großen Sport war Hannover immer etwas abgeschieden, so daß sich insofern die Erinnerung mehr an Luciano und Doornkaat und Goldbube und Arratos und Lombard klammert, dazu die ersten Fährhofer und Ostermänner Literat und Caracol  und Tarim und Tarik und Galaxor.  Und die Waid- und Waldmänner aus Ravensberg. Die Bügel wurden ziemlich lang geschnallt, aber ansonsten war der Sport keinen Deut schlechter als heute.