Arc Wochenende 2006

Eingang Rennbahn Longchamp
Eingang Rennbahn Longchamp

LA GRANDE NATION: Gilt auch im Rennsport, Paris ist die Kapitale, und Alles ist ganz unfassbar dimensioniert und irreal, jedenfalls, wenn man aus Deutschland kommt und Fahrradklammern in der Hose hat. Was für eine Stadt, was für eine Anlage, was für Sitten und Gebräuche, nach denen der Rennsport dort funktioniert. Und mittendrin tausende von Japanern, Freak out und schrillste Erscheinungen, tapfer lachend und weise nichts verstehend, und Millionen in den Toto versenkend. Am Schalter direkt vor mir, ein Ehepaar verzweifelt, sie einen Packen Scheine in der Hand, er dito, sie zusätzlich einen Zettel mit Kugelschreiberzeichen, man fleht das Mädel an, alles Retour, halt Stopp, nicht dieses Rennen, Nein, das 7te natürlich, jedenfalls das der ungefähre Inhalt dieser Szene, wahrscheinlich Tausend geradeaus auf ihren Liebling, aber nun stimmt das Rennen nicht, wer will diesen europäischen Bock, Niemand nicht, es muss doch was zu machen sein. War es aber nicht, le Toto est perdu oder partout geschlossen Finalemente madame butterfly!

Daneben haut sich ein Ire mit wackeliger Hand den xten Whisky in den Kopf, aber wo, eine guter Schluck hat noch Niemandem geschadet, auch seiner Braut nicht, die bereits nach dem 4ten Rennen ein kurzes Verdauungsnickerchen auf dem Sofa der ersten Tribüne macht. Am oberen Führringrand haben sie strategisch klug Moet Chandon Stände errichtet, eingezäunt, mit netten Tischchen, damit der geneigte Zecher auch sitzend genießen kann. Am Sonnabend vorne an ein lustiger Vierertisch, Herren aus Angelsachsen, die unverdrossen Rose` verzehren, alle halbe Stunde Eine. Super gute Laune, super rote Gesichter. Am Sonntag saßen dieselben just da und spielten das Stück en suite. Machtvolle Demonstration, dass man trotz aller Gruppe I Rennen nicht korrumpierbar ist. Es muss das ausgetrunken werden, ohne Ablenkung durch Pferde oder Frauen. Während die Japaner alles tranken und aßen, was ihnen in die Hände fiel, auch Devotionalien und Fähnchen und Hafer, wenn er denn aus der Deep Impactschen Entourage stammt. Sie belagerten die Schalter, sie belagerten die Geldwechsler, sie belagerten die Slotmachines. Sie bettelten darum, ihr Geld hergeben zu dürfen, und man nahm verständnisvoll. Ein Stand verkaufte nach Norden Pommes frites und nach Osten Weine des Hauses Gallo, eine sehr einleuchtende Kombination. Dann gingen die Rennen an:

D.h. noch nicht, den erstmal muss man hinkommen nach Longchamp. Es bietet sich der Weg vom Hotel an der Porte d`Autheuil zu Fuß an, durch den Bois de Boulogne. Erstaunt steht man schon nach wenigen Schritten vor dem Eingang des Hippodroms, sagen wir mal nach zwei Minuten Schlenderns, aber halt, das ist erst das Hippodrom Autheuil mit den Hindernisleuten, welches auch dem irischen Ex-Jockey und seiner reizenden Gattin einen Streich spielte. So schnell geht das Alles nicht, mein Herr! Also wieder in den Park, vorbei am Literaten Eck, mit ausdrucksstarken Büsten von Victor Hugo und Alexandre Pouchkine, wie der Franzose den russischen Dichter schreibt, der zwischen einer ordentlichen Sequoia und einer nordafrikanischen Zeder sein Plätzchen hat. Die Rollerskater bleiben diesem Platz fern, weil der klug mit Kieselsteinen umlegt wurde. Hinten dröhnt derweil der Verkehr auf der Tangente nach Irgendwo.

Nach 15 Minuten schimmert ein Lucien Barriere Schild warm durch den Tann, man stellt dann fest, es trohnt auf der Startmaschine, die bereits am 1.400 Meter Start auf Kundschaft wartet. Also das ist die Rückseite von Longchamp, the Backstretch, wie der Amerikaner sagt. Weites Land tut sich auf, und in der Distanz die Tribünenlandschaft, weiß, breit, mehrstöckig. Bis dahin Außen rum bestimmt noch anderthalb Kilometer, also zurück zum Hotel, Wäschewechsel, Taxi. Denn an der Porte, wo die ex- gratia Busse warten, warten auch schon Hunderte, um mitgenommen zu werden, auch wieder die vorerwähnten Japaner, die gern in Gruppen Reisen und sich angeregt in einer fremden Sprache unterhalten. Interessant, was Japaner alles mit ihren Köpfen anstellen - da gibt es ganz außerordentlich mutige Frisuren, mit roten Tönen glatt oder fluffig verziert, der junge Herr oft mit Grunge anteilen. Manchmal auch eine Mütze, gestrickt, wollen, mit Knöpfen oder Klettverschluss picobello. Wenn die Damen das so wollen, warum nicht. Ist schließlich ihr Kopf.

 

Pouchkine Büste in einem Park des Bois de Boulogne
Pouchkine Büste in einem Park des Bois de Boulogne

Nun also das Taxi, und Man ist verblüfft: der Taxifahrer weiß nicht, wo Longchamp ist, ja er weiß nicht einmal, dass da Pferderennen sind. Er muss Rat beim Stadtplan nehmen, er eiert in der Gegend rum, Einbahnstraße hier, Absperrung da, ein Graus. Dann der hinterwärtige Eingang, die Einfahrt zum Tunnel, aber wiederum kehrt Marsch Marsch, weil die Stadtplanung sich ein ausgeklügeltes Verkehrsleitsystem vorstellt, an das sich Jedermann im Umkreis von Einigen Kilometern zu halten hat. Imposante Anzahl von Verkehrsdirigenten und Einwinkern nebst Türlaufmachern, Trillerpfeifen gottlob nicht, aber ausgekostetes gestikulieren und anweisen, jedoch, irgendwann ist auch diese Karousselfahrt vorbei, und schon kann man sich ganz entspannt der Schlange durch die Terroristenfanggatter anschließen und „can i help you?“ The main entrance durchschreiten. Ahhhh! nous sons arrive oder so ähnlich.


Es grüßen zunächst rechts und links zwei Devotionalienstände, die nach 5 Minuten Alle wertvolleren Sachen wie Uhren und Feuerzeuge und Kugelschreiber und T-Shirts und Kappen und Ansichtskarten komplett nach Japan verkauft haben. Verzweifelte Zuspätkommer versuchen, das Standpersonal mit Blankoschecks der Bank of Tokyo zu bestechen, Yen oder $ oder €, piepegal, meine Frau wollte immer dieses Hufeisen passend zum Kimono, „Sie müssen mir helfen!“ Man eilt zur Akkreditierung, aber mein Herr, ein Ticket ohne Langbinder und Sakko berechtigt zu gar nichts, da kennt der Franzose kein Erbarmen, der in seinen reicheren Exemplaren so gut angezogen ist, wie immer fälschlicherweise von den Engländern kolportiert wird, was aber bei genauem Hinsehen nicht stimmt: Je näher Die kommen, desto fadenscheiniger und speckiger wird das ganze Ensemble oft, voller alkoholischer Flecken und Schrammen und katastrophal Schief gebundener Krawatten.

Die Japaner hingegen bevorzugen Bowler und Turnschuhe mit Hornbrille. So sind die verschiedenen wichtigen ethnischen Gruppierungen sofort sehr gut zu unterscheiden. Das deutsche Element fällt nicht weiter auf.

 

Es gab dann überraschenderweise auch Pferderennen. Aber erst, nachdem eine strenge Routine durchlaufen ist, die sich nach einigen Rennen geradezu zwanghaft entfaltet. Dieser Führring, der eigentlich Rondell de Amphytheatre heißen müsste, stellt ein in der Welt des Galoppsports einmaliges Bauwerk dar, Bühne der Darstellung und Kommunikationszentrum zwischen Denen drin und Denen draußen gleichermaßen. Das Epizentrum der Veranstaltung, Souffleurkasten und Regiepult. Die Pferde werden nebenan gesattelt und, unglaublich aber war, exakt 10 Minuten vor dem Starttermin hereingebeten. Nicht Neun, nicht Elfeinhalb, exakt Zehn. Damit das Keiner verpasst, läuft die Uhr als Reminiszenz an die Siebziger in giftgründigital zurück. Ein zwei Runden, aufsitzen, noch Eine evtl. Zwei, raus und vorbei. Man beeile sich. Herr Soumillon verschwand mehrmals ohne Gruß und Aufhebens vor den Anderen, offenbar in der Hoffnung, dem Pferd und sich diese Aufregung zu ersparen. Hat aber nix genützt. Als Herr Yutaka Take am Sonnabend den Führring betrat, ging ein lustiges Gejohle und Gejauchze seiner Landsleute an, die das Photographieren und gleichzeitige Schreien in den Rang einer exakten Wissenschaft erhoben haben. Wahrscheinlich belangloses Zeug wie „Hey Alter, kuck mal her oder alles klar, Yuki?“, aber auf japanisch faszinierend gelehrt klingend.

Es gab auch deutsche Elemente am und im Führring, das soll nicht verschwiegen werden. Aus dem Umfeld des Pferdes Melikhsa oder Meliksah waren Schlachtenbummler angereist, die ausgesprochen animiert von der Aussicht, da jemanden zu kennen, ja geradezu teil dieser Gruppe I Veranstaltung zu sein, ungebührlich rumlärmten und sich völlig ungehemmt über Belangloses unterhielten, mit etwa 120 Dezibel. Es war irgendwie südwestdeutsches Idiom, grauenhaft nachlässiges Gesülze, drei vier Frauenstimmen und ein devoter Mann im eingeübten Chor. Das Pferd wurde - vermutlich gegen seinen Willen - vorbeigeführt, und sofort ein Hallo des Schreckens. Die Racing Post sprach Angesichts des Engagements von einer Verirrung, und da hatte sie recht, und zwar komplett und im Hinblick auf alle Beteiligten.

 


Le Miracle wird Dritter im Prix du Cadran
Le Miracle wird Dritter im Prix du Cadran

Besser machte es Herr Baltromei, der ein paar Chancenlose sattelte, aber mit dem Cadran Dritten Le Miracle ein veritables Gruppe I Cup Distance Pferd trainiert. Der ging als einziger der Monsune richtig gut, und nach 4 Kilometern Führung darf man knapp geschlagen Dritter werden. Herr Ullmann hatte nicht so gut gewachst, der Sonnabend mit Zweiter Dritter liest sich auf dem Papier gut, aber irgendwie gingen beide Pferde Getaway und Manduro nie richtig so, wie man sich das vorgestellt hatte. Dazu kam Soumillons Katastrophentag Sonnabend, als er sich ein paar Mal ziemlich vergaloppierte, am Schlimmsten mit einem Aga Khan Tier, wo er sich die Rails als Sackgasse ausgesucht hatte. Was uns zu Olivier Peslier bringt, der ihm mit Soldier Hollow zeigte, wie das geht mit den alten Männern und dem Sport. Und Herr Finck hat sich den Sieg redlich verdient, ein rastlos engagierter Mann, dem man am nächsten tage sympathisch ansah, dass der Sieg gefeiert worden war. So soll es sein. An dieser Stelle kommt Herr Blau ins Spiel, der sich inmitten der flanellgrauen Eminenzen als Glatzenbartträger mit Nadelstreifenbrauenemglanzanzug leuchtend im besagten Führring abhob. Ein Beau und Grandseigneur, der sein Land sehr vorteilhaft präsentierte. Wie auch Peter Schiergen, der Trainer.

 

Aber erstmal gewann Dettori mit Cadarak. Was soll man sagen, der Betrachter lief hurtig hinter Sorge jun. und Nolting her, die ihre Arbeit gern am Ziel verrichten, und das stand in diesem Rennen weiter hinten, das ominöse zweite Ziel, welches auch Starke mal zum Verhängnis wurde, wie der Berichterstatter als Anteilseigner von Evil Empire fassungslos in Dortmund beim Buchmacher mit ansehen musste, einen womöglich noch fassungsloseren Schütz sen. daneben. aber tempi passati. Dettori jedenfalls kennt sich in Longchamp gut aus, das passt alles. Aus der Perspektive Augenhöhe dicht am Geläuf kann man auf keiner Bahn dieser Welt mehr Eleganz und Willen zum Sieg und Druck und Stil sehen als den von Dettori im Endkampf. Vielleicht mal Eduardo Pedroza, Eddie und nicht Eddy, wie die Journaille stets und zuverlässig falsch schreibt, Eddie wie gesagt könnte es auch mal schaffen. Fallon hat womöglich noch mehr Druck, aber keine Eleganz, aber Frankie ist ja schließlich auch Italiener, der sein Geschäft versteht und auch hinterher weiß, was Frauen und Männer wünschen. Die wünschen sich frohe Unterhaltung, und also wird optisch und akustisch alles geboten, vor den Tribünen und im Führ/Absattelring. Gejohle, Gejauchze, der Jump, und ein pfiffiger Franzose hatte sogar etwas italienisch gelernt und konnte somit sehr korrekt immer wieder "Forza Frankie" und "Spaghetti Carbonara" gegen den Reiter rufen, der das sehr amüsiert zur Kenntnis nahm. Die anderen Zuschauer auch. Der Scheich konnte das nicht zur Kenntnis nehmen, weil er wohl dringende Geschäfte in der Wüste zu erledigen hatte, aber Simon Crisford und Billy Newnes, der Siegreiter von Pik König, der den Sieger stolz heimführte.

Der andere Meisterritt an diesem Sonnabendnachmittag war der von Olivier Peslier auf Soldier Hollow, der schon im Führring am knatterschärfsten aussah. Manduro ist auch ein sehr gutes Pferd, aber etwas Schlappohrig. Jedenfalls ging Soumillon sehr konsequent zu Werke, indem er zum wiederholten Male die Rails hinter der Pace nahm, und Peslier, der alte Taktiker, setzte sich sogleich schräg Links davor, damit da nichts anbrennen konnte, falls der Soumillon mal nach Vorne wollte, weil, da hätte er bei dieser Gemengelage dem Vorderen in die Hacken laufen müssen oder aber Außen rum über die Dörfer. Und schon war’s passiert, weg war er, und Peslier ist nicht der Mann, der einen Vorteil im Endkampf freiwillig wieder hergibt. So dass also wiederum ein sehr sympathisches und kompetentes Team gewann inc. Schiergen jun. und Herrn Blau, der sich ebenfalls bei den Siegern zu schaffen machte. Herr Hähn schrieb alles sorgfältig auf, was sich zugetragen hatte, so dass alles seine Ordnung hatte und der Nachwelt überliefert wurde.

 

Echo of Light gewinnt den Prix Daniel Wildenstein
Echo of Light gewinnt den Prix Daniel Wildenstein

Noch zu erwähnen ist das beeindruckendste Tier des Tages, wenn nicht des Wochenendes:

Echo of Light, den ebenfalls Dettori zum Sieg steuerte, oder sagen wir mal, den er wie auf Eiern im Endkampf trug, weil der sehr dynamisch nach Rechts rüber hing und überhaupt ein eigenwilliger Gesell ist. Aber was für eine Erscheinung! der Archetyp des Dunkelbraunen ohne Abzeichen, ordentlich Groß, aber nicht zu schwer, hoch über dem Boden, Muskeln genau wo sie sein sollen, ein Kopf zum niederknien, das ganze Tier perfekt ausbalanciert. von den wenigen Dubai Milleniums wohl der Beste, musste der Besitzer dem Züchter für viel Geld abkaufen, aber das Geld scheint gut angelegt. Es sei ihm gegönnt.

Der Tag als Ouvertüre gerade recht, gutes Wetter, nicht zu überlaufene Bahn, schön ausgewogenes Programm. Sogar der Rücktransport per Bus klappte dann irgendwann trotz haarsträubender Organisation, zumal für deutsche Bürger, die es gewohnt sind, auf Schritt und Tritt mit gußeisernen Hinweisen und Anleitungen zu leben. Aber es ging, man konnte bequem zur Eckkneipe gehen und sich dort eine Pleiades kaufen, hinsetzen, Drink kaufen und gemütlich schmauchen. Es geht leichter Weiswein sehr akkurat als Apero, irgendein Sauvignon von der Loire, genau richtig für diese Gelegenheit. Hunger? Gegenüber servieren sie Lammbraten und Schichtgerichte aus kaltem Gemüse vorneweg, puy fume und später Brouilly aus der richtigen Flasche, leicht gekühlt, wie sich das gehört. Wie die Franzosen überhaupt ein Faible für die abseitigen Weine haben, nicht immer dieser Barrique Cabernet Plonk. So was wird bei uns selten gesehen, saufen die wahrscheinlich Alles selbst. Vorher der berühmte Gewitterguss, von dem Andere fälschlicherweise Annahmen, er habe die Bahn erreicht. Hat er nicht, weil, er fing haargenau an den Ports in Autheuil an und fraß sich dann steigernd gen Osten zum Zentrum. Da war es richtig feucht.

 

Wie man auf dem morgendlichen Spaziergang durch Autheuil genau sehen konnte. Pfützen allüberall, stehende Wasser, Bäckereien geöffnet, etwas später ein zwei Schlachter, Blumenhändler Allemann dabei, weil, wie der ältere Begleiter pfiffig anmerkte, die schenken die Kavaliere alle den Mädels, ist ja Frankreich, genau, in Hannover heißt dies Sorte oder hieß besser gesagt "junger Mann im Frühling". An der Seine sieh an der Eiffelturm linker Hand und Kerzengerade, wie gemalt. Eine schöne Sitte ist das Kontaktparken, also Stoßstangeanstoßstangeanstoßstange. Es werden alles Nachbarn sein, die auf Kommando zugleich losfahren. Anders ist nicht vorstellbar, wie eines der Fahrzeuge jemals in Gang kommen soll. So ein kleines Baguette heißt Flute oder Flöte und schmeckt sehr gut aus der Hand ohne Zusatz. 200 Gramm halten gut bis späten Mittag, liegen federleicht im Magen. Es kommt aber nur gedämpfte Pfff Laute raus, wenn man rein pustet.

Der Kaffee schmeckt nicht, aber der Tee schmeckt ganz gut, vielleicht, weil er auch Infusion heißt und nach dem Medizinproduktgesetz gebraut wird. Ab 12 wird es ernst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Parade am Tag des Arc
Parade am Tag des Arc

BBC würde eröffnen mit "today is arc day". Die Ouvertüre ist ein laues Lüftchen gegenüber dem, was sich Anderntags dort abspielt. Einiges ist bereits berichtet worden, Manches fehlt noch in dieser Ansammlung der Superlative. Zwei hoch dotierte Handicaps dienen als verschämte Staffage für sechs Gruppe I Rennen, allesamt echte Gruppe I. Wer ein Pferd hat, das da reingehört, läuft.

Wer nicht läuft, hat sein Pferd gewogen und für zu leicht befunden. Es ist das elitäre Treffen ohne jeden Kompromiss, es zählt nur, wer schnell laufen kann, und wenn auch in den zwei Zweijährigen Rennen auch mal normale Besitzer mitmachen, so sind selbst die nur normal reich, wohingegen in den späteren Semestern nur noch die Superreichen und Arrivierten auftauchen, weil die die guten Zweijährigen den normalreichen später wegkaufen. Die Pferde sehen entsprechend aus, und sie laufen auch so. Alle hervorragend raus gebracht, Keiner schwitzt, nicht einer an zwei Tagen, kein Remmidemmi, alles souveräne Gelassenheit. Das einzige Pferd, das abfiel, war die Zweijährige von Herrn Hofer, eine echte Micky Mouse. Aber wenn die Mutter Salzgitter heißt, dann steht nichts Gutes bevor. Selbst das völlig überforderte Pferd Meliksah sah ordentlich aus. der Prix de l`Abbay wird weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit absolviert, wie auch die Entwicklung der Preise am Toto sowie die Ergebnisse Desselben sorgsam vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben, wahrscheinlich aus Jugendschutzgründen. Aber der Prix de l`Abbay. 1.000 Meter geradeaus, aber inmitten des Geländes von rechts nach links, etwa 300 Meter von der Tribüne entfernt. Man sieht nichts, man hört auch nichts, denn die Akustik unter dem Tribünendach ist beklagenswert schlecht. Man sieht sodann auf den großen Bildschirmen den Rennverlauf in mehrmaliger Wiederholung ganz gut, und es stellt sich heraus, daß Jamie Spencer gewonnen hat, Zweiter war der beliebte Kevin Darley mit dem Favoriten, und Dritter Herr Fallon, den der Beobachter ob des Dreschflegelstils zunächst mit Darley verwechselt hatte. Der kann aber auch so reiten. Spencer hatte bereits in der Box die Peitsche gezückt, und dann ging es praktisch aus der Maschine mit Nachhilfe Start Ziel. Wer da nicht mitkam, kam nie mehr mit. Nur Darley mit Reverend war in der Lage, eine späte Offensive zu reiten, alles andere war hoffnungslos verloren, wie auch Meliksah, aber was soll ein ordentlicher Handicapper mit 10 oder 12 Jahren in Gruppe I? Sinnleere Sache. Die Zeit für die 1.000 Meter war 54,8 sec..

 

Die Kunst am Sonntag besteht darin, alle Stationen dieser Veranstaltung zeitgerecht zu besetzen, aber ein zu Allem entschlossener Mann kann es schaffen. Davor haben die Veranstalter aber zahllose Hindernisse aufgebaut, Sektstände, Absperrungen, verkehrtrum fahrende Rolltreppen und unzählige Biegungen und Aufgänge und Treppen. Man hastet also zwischen Führring und Tribüne unmäßig herum, es schiebt sich ein mäandernder Strom von Mitschwimmern und Entgegenkommern durch das Gelände, Körperkontakt mandatorisch. Der Trick ist, einerseits das rennen auf der Tribüne zu sehen, dann die Retourkutsche des Siegers vor der Tribüne, und zum Beschluss des Zyklus den Einmarsch des Gladiatoren in den Absattelring. Dann ist Pause für einige Minuten, die man mit der Betrachtung der Rennverfilmung ausfüllen kann. Dann wiederum Parade im Ring undsoweiterundsoweiter. Man lernt den immer gleichen Ablauf schätzen, es spielt eine gemafreie Musi auf, irgendwas dräuend rumpelndes als Mischung von Aida, Ritt der Walküre und Star Wars, jeweils passend zur Situation, so dass nach einiger Zeit auch Sehbehinderte wissen, wo es längs geht im Programm.

Die Jockeys sind alle Stars, jeder Einzelne. Dem Berichterstatter gefallen die etwas in die Jahre Gekommenen, und daher hat der Sieg von Thierry Jarnet besonders gefallen. Boeuf hätte man den sieg auf le Miracle auch sehr gegönnt, nach all der tapferen Führungsarbeit. die Engländer bevorzugen einen robusten Reitstil, sehr gut präsentiert durch John Egan, der sich mit Kaugummikauen die Zeit vor dem Rennen vertrieb. ein Zwillingsbruder von Pat Day war auch da, Pat Shannahan, wie drollig, und die Franzosen haben alle das Reiten von Yves St. Martin gelernt, so außerordentlich elegant versehen sie ihren schweren Beruf. Selbst so große Jungs wie Lamaire und Mendizabal. Der Pasquier führt die Jockeywertung nicht zu unrecht an, wie man im Hauptrennen sehen konnte, dass er dank null Fehler und einem guten Pferd bequem gewann.

 

 

Deep Impact, Hurricane Run und Shirocco im Führring
Deep Impact, Hurricane Run und Shirocco im Führring

Die Bahn hat etwas beängstigendes, insofern der Blick ungehindert in den Bois de Boulonge wandert, über die Straße hinweg. es Fehlen Hecken und Büsche, die den Kurs nachvollziehbar machen. Eine riesige ausufernde Konstellation, ein Schlussbogen Einlauf Ensemble, welches Beides zugleich ist und letztlich eine über tausend Meter lange Gerade mit Knick. der Boden war schnell, extrem schnell, alle Rennen wurden aus der Maschine raus mit Dampf geritten, Hinterhermachen machte wenig bis keinen Sinn, und das Märchen von den Bummelrennen in Frankreich mit dem 500 Meter Sprint war definitiv nicht einschlägig. es gab Zeiten von 1.34 über 1.600 Meter, die Oben erwähnten 54,8 über Tausend, 2.000 Meter für die Stuten in 2.09 und den Arc mit offiziell 2.31 plus, inoffiziell und gefühlt jedoch deutlich unter 2.30. Und das Criterium für die Zweijährigen Hengste über 1.400 Meter, dass Holy Roman Emperor angeblich in 1.18 plus gewann. der Berichterstatter hat aber eine Theorie, wonach das Erstens nicht stimmt, weil so was eine Fabelzeit ist, und Zweitens dieses rennen für ihn am ersten Pfosten für alle Reiter zu Ende war, und sie nur noch den Schwung mit zum Zweiten nahmen. und das also die Zeitmessung gute 100 Meter vorher stattfand. Wer weiß.

 

Was schön war, war der sieg von Mandesha für Fräulein Khan, die Tochter von Herrn Aga Khan. Der Mann ist in Frankreich außerordentlich beliebt, und zwar zu recht, wie meine beiden Reisegefährten unisono wussten, denn: Er ist nicht nur märchenhaft reich, sondern auch ein märchenhaft großzügiger Mann, der karitative und sozial erwünschte Aktivitäten aller Art sponsert. Was will man mehr, ein reicher Mann, der ordentlich was abgibt. Daher bereits beim Einmarsch des Gespanns in den Führring wohlwollendes Geklatsche, was in Ihrem Fall dem Aussehen geschuldet sein mag. Egal, man überschlug sich in serviler Anbetung Seitens des Fernsehens Equidia, welches seinen hübschesten Bengel abkommandiert hatte, den Führringtalk zu moderieren. Also wurde die junge Dame recht hübsch vor dem Rennen interviewt, und nachher war sowieso alles außer Rand und Band, als Soumillon endlich diesen einen und zweitwichtigsten Sieg errungen hatte. Auch die Siegerehrung war eines Arc Sieges würdig, man musste kein Wort der Laudatio verstehen, um nicht trotzdem das Aroma dieses besonderen Anlass zu schmecken.

 

Dann war da der Arc als Klimax des Ganzen, ein fast mit Zelten belagerter Führring, es fehlten nur noch Lagerfeuer und Gitarrenklänge. Aber nach 5 Gruppe I Rennen ist eine Steigerung schwer, selbst die Japaner hatten sich bereits völlig verausgabt, so dass die Reception der Teilnehmer vergleichsweise ruhig vonstatten ging. Drei Pferde wurden wie von fast allen besonders beäugt, Deep Impact, Hurricane Run und Shirocco. Der Japaner ein nicht besonders auffälliges Tier mit leichtem Rot-Ton, vielleicht eine Referenz an die erwähnten Haarfrisurgebräuche des Landes, oder aber ein letztes optisches Salut an Mister Prospector, falls der in der Ahnentafel auftaucht, was bei der Klasse vorstellbar ist, aber aus Faulheit jetzt nicht überprüft werden soll. Hurricane Run ein echter Sportler, ordentliches Kaliber, größer als Shirocco, der dafür den knackigsten Eindruck machte, sehr fit and well. dann nochmal Jodelstürme zum Aufgalopp, ein Aufbäumen gegen die Anstrengung der zwei Tage in der Fremde. Das Rennen war für Take am schwierigsten, ein Land steht still, er soll es richten. Fallon als Mann ohne Nerven und Neigung zum überfall aus dem Busch unberechenbar, Soumillon als Lokalmatador mit dem möglicherweise versatilsten Pferd gesegnet, da musste er sich was einfallen lassen. Er hat es gut gemacht und richtig antizipiert, daß Shirocco von vorne gehen würde, er den aber nicht richtig Wegspringen lassen durfte. Nach hinten hat er zu Fallon gelinst. Aber er hat nicht damit gerechnet, dass noch andere mit von der Partie waren, die im Fahrwasser sehr still und unauffällig segelten, und als er den Sack zu machen wollte, ging das nicht, weil noch welche draußen waren. Es mag auch sein, daß ihm der letzte Schliff doch fehlte, ein Prep wäre vielleicht doch angebracht gewesen. das Getöse Mitte der Geraden war noch mal beängstigend, aber sehr schnell war klar, dass das auch nichts nutzen würde.

Seine Landsleute nahmen es mit Fassung und Freude über den dritten Platz. der deutsche Anhang, der sich rudelweise auf der Tribüne über dem ziel versammelt hatte, hatte wenig Grund zur Freude, weil schnell erkennbar war, dass da Heute nichts zu holen war. das abschließende Handicap wurde nicht von allen Besuchern gesehen. Dafür konnte man spät nachts an der Porte d`Autheuil nach einem Abendessen noch zwei Austern direkt aus dem Korb zu sich nehmen. So was geht nur in Paris, der Weltkapitale in Sachen Kultur im Allgemeinen und Galopprennsport im Speziellen.

 

 

Nolting und Sorge jun. waren auch stets im Brennpunkt des Geschehens, wohingegen Sorge sen. zu Recht auf der Tribüne saß und einen famosen weißen Flechthut auf dem Kopf hatte, der alles an hüten der Umgebung lässig in den Schatten stellte. "Den hab ich schon in Ascot aufgehabt", scherzte der Schelm, ohne Rot zu werden. ein anderer Schelm rumorte immer dicht im Trubel der internationalen presse herum, ein Mann von Conciergehaften Fähigkeiten, Karten der allerbesten Kategorie für kurantes Geld zu beschaffen, zusätzlich auch Rauchwaren beizustellen und überhaupt Alles und Jedermann zu kennen und Bescheid zu wissen und damit letztlich seine Talente an den deutschen Magerquark zu verschwenden. Ein Bonvivant, sozusagen. Der hatte auch den Hinweis parat, statt Hotel ganze Wohnungen zu mieten, "drei Bäder und Boudoirs und offene Feuerstelle für kleines Geld!", und Donnerstag nach Chantilly und Dienstag nach les Halles oder Roungis, wie das Heute heißt. eine farbenfrohe Woche.