Gestüt Kerbella

Die Galopper des Stall Tinsdal wuchsen alle auf dem Gestüt Kerbella von Hannes K. Gutschow auf und wurden bzw. werden dort auf den Rennbetrieb vorbereitet.

 



Geduld, Geld und ganz viel Glück

Hannes Gutschow gründete 1960 einen Steinwurf von der Elbe entfernt das Gestüt Kerbella. Foto: Laible
Hannes Gutschow gründete 1960 einen Steinwurf von der Elbe entfernt das Gestüt Kerbella. Foto: Laible

Auf Gestüt Kerbella wuchs schon Derbysieger Pik König auf. Jetzt sorgt mit Mi Emma ein weiteres Pferd für Furore.

Von Dirk Steinbach

Hamburg -

Tief im Westen, ganz nah an der Stadtgrenze zu Wedel, wächst etwas heran. Klein und neugierig tollen 16 Fohlen über die gepflegten Koppeln des Gestüts Kerbella am Tinsdaler Heideweg. Auf den jungen Tieren ruhen große Hoffnungen. Die Träume ihrer Besitzer handeln von Geld, Ruhm und großen Siegen auf der Rennbahn. Von Helden in Pferdegestalt wie einst Pik König, der 1992 das Deutsche Galoppderby in Hamburg-Horn gewann.

 

Der Vollbluthengst des Hamburger Kaffeekaufmanns Albert Darboven ist noch immer der bekannteste Emporkömmling, der auf dem mittlerweile 60 Hektar großen Gestüt von Hannes Gutschow aufwuchs. Eine von Efeu umrankte Bronzetafel am rotgeklinkerten Haupthaus erinnert an das legendäre Pferd, das sich bei einem Rennen in Baden-Baden schwer verletzte und im Alter von nur drei Jahren eingeschläfert werden musste.

Gutschow, der 1960 Kerbella gründete und nach seiner ersten Araberstute benannte, erinnert sich noch genau an den Triumph von Pik König. "Er war ein solcher Tolpatsch. Dass dieses Pferd das Derby gewinnt, hätte man nie geglaubt. Für mich ist es ein Kultpferd."Auf dem besten Weg, diesen Status zu erreichen, ist seit einigen Monaten eine auf dem Gestüt geborene Stute. Und wieder stammt sie aus dem Besitz von Albert Darboven, der seit 1988 die Aufzucht seiner Vollblüter in Gutschows Hände legt.

Mi Emma heißt die drei Jahre alte dunkelbraune Schönheit, die erst seit diesem Jahr auf die Rennbahn geschickt wird und mittlerweile bei Trainer Andreas Wöhler in Gütersloh steht. Ihren sportlich größten Erfolg feierte sie im Juni unter den Augen der britischen Königin Elizabeth II in Ascot. In den Coronation Stakes, einem Gruppe-I-Rennen, wurde sie Zweite. Zuletzt gewann sie außerdem in Baden-Baden das 74. Darley-Oettingen-Rennen.

 

"So eine Mi Emma ist ein Geschenk des Himmels. Das muss man genießen", sagt der 68 Jahre alte Gutschow. Trotz vieler Millionen, die weltweit in der Pferdezucht investiert werden, lassen sich Erfolge nicht allein mit Geld kaufen. Der Einsatz eines hochdekorierten Deckhengstes kann bis zu 500 000 Dollar kosten. Doch ebenso wichtig wie die richtigen Gene seien Geduld und ganz viel Glück, meint der gebürtige Rissener Gutschow, der selbst sechs eigene Galopperstuten besitzt. "Es ist Quatsch, wenn man glaubt, man könne das Superpferd einfach züchten", verdeutlicht der Routinier. "Viele Leute kommen mit vollen Taschen auf die Rennbahn, und doch haben andere mehr Erfolg".

 

Gutschow machte einst sein Hobby zur Profession, und gehört nun zu einer Handvoll hauptberuflicher Züchter in Deutschland. Obwohl längst im Rentenalter, steht er weiterhin frühmorgens auf, um die Pferde zu füttern, und beendet seinen Arbeitstag spätabends mit dem Studium der neuesten Informationen aus der Rennszene. Wenn die Geburt eines Fohlens ansteht, kommen Nachtwachen hinzu. Am liebsten würde der leidenschaftliche Gärtner auf Kerbella, das direkt an Darbovens Gestüt Idee grenzt, wohl alles allein machen. Zwei Angestellte leistet er sich aber. Im Umgang mit den Pferden setzt Gutschow nach eigenem Bekunden auf Harmonie. "Vollblüter sind komplizierte Individuen. Man behandelt sie wie eigene Kinder", sagt der Vater zweier Töchter. "Er ist mit ganzem Herzen bei seinen Pferden", charakterisierte Darboven seinen Freund einst in einem Interview.

 

Besonders harmonisch musste es im Fall von Mi Emma zugehen, weil deren Mutter ihr erstes Fohlen nicht angenommen hatte. Doch dieses Mal ging alles glatt. Schon als Jährling habe Mi Emma dann aus der Gruppe der gleichaltrigen Nachwuchspferde herausgeragt. Ein Jahr später hatte sie noch zu viel Feuer, jetzt ist sie laut Gutschow "ein Traumpferd". Eines, zu dem auch das schwarze Fohlen aufschauen würde, wenn es denn um die Erfolge wüsste. Denn mit Mi Emmas kleiner Schwester Mi Rubina steht bereits der nächste Darboven-Hoffnungsträger auf Gestüt Kerbella bereit.

Quelle: Hamburger Abendblatt erschienen am 26. September 2007 

 

 

Artikel aus dem Hamburger Abendblatt über das Gestüt Kerbella

In der Garage fing alles an

Gestüt Kerbella: Mit einer Stute begründete Hannes Gutschow 1960 eine Pferdezucht. Inzwischen sind es 60 Pferde, die er auf 42 Hektar Pachtland betreut.

Von Corinna Cohen-Cossen

Hinter dem weiß gestrichenen Gartentor blühen Rhododendren, Flieder und Weißdorn. Auf dem Rasen prangt ein schmaler, hoher Sockel mit einer Pferdestatue. Der Wassersprenger rauscht, prasselt leise über Blätter. Ein Kopfsteinpflasterweg führt zum Wohnhaus. Über der Tür des ehemaligen Bauernhauses verweist die holzgeschnitzte Inschrift auf die Erbauer: "Anno 1911 - Heinrich und Margarete Stockhusen".

 

Das Gestüt Kerbella von Hannes Gutschow ist eine Oase. Das liegt auch daran, dass der 64-jährige Hausherr seinen Garten ebenso liebt wie die Pferde. "Vor drei Jahren habe ich achtzig Eichen gepflanzt", erzählt er, und präsentiert die stattliche Allee entlang der Trainingsbahn - die perfekte Symbiose seiner beiden Leidenschaften. "Das ist doch das Schönste für einen Menschen: Zu sehen, wie alles wächst und gedeiht", schwärmt Gutschow.

1960 gründete der gebürtige Rissener das Gestüt, das er nach seinem ersten Pferd, der Araberstute Kerbella, benannte: "Ich hatte sie damals in der Garage bei meinen Eltern in der Gudrunstraße untergebracht." Das erste Pferd vergesse man nie, betont er: "Kerbella war ein Zirkuspferd und nie tragend geworden. Daher bekam ich sie günstig für 600 Mark." Mit Hilfe eines befreundeten Tierarztes gelang das Kunststück - Kerbella fohlte.

Als 22-Jähriger übernahm Gutschow den Bauernhof am Tinsdaler Heideweg. Den Kuhstall baute er gemeinsam mit seinen Brüdern, einem Architekten und einem Tischler, um: "Die Boxen wurden nach und nach gebaut, wenn der Bedarf da war." Jetzt hat Kerbella 60 Boxen, verfügt über 42 Hektar gepachtetes Land, eine 1000 Meter lange Sand- und Grasbahn für die Galopper und eine 600 Meter lange Bahn für die Traber. Die tägliche Arbeit beginnt um sechs Uhr mit der Fütterung, um sieben kommen die Pferde auf die Weide. Ab acht wird geputzt und gesattelt, danach beginnt das Training und die Boxen-Säuberung. "Von Januar bis Mai kommen Nachtwachen dazu", erzählt Gutschow, "denn dann werden die Fohlen geboren." Um die Stuten im Blick zu haben, sind zwei Kameras in den Boxen angebracht, die er mit zwei Monitoren vom Wohnhaus aus überwachen kann.

Die Geschichte von Kerbella ist eng verknüpft mit der Geschichte des Gestüts "Idee" von Albert Darboven, dem Geschäftsführer der Traditionsrösterei J. J. Darboven. Der erfolgreiche Vollblutzüchter und Polospieler gründete 1968 sein Gestüt. Seit 1988 lässt Darboven seine Pferde - darunter war auch der legendäre Derby-Sieger Pik König - von Hannes Gutschow betreuen. "Durch die jahrelange Zusammenarbeit mit Herrn Gutschow konnte ich sehr viel aus seinem reichen Erfahrungsschatz zur Pferdezucht lernen", sagt Darboven. "Er ist der geborene Pferdezüchter und mit ganzem Herzen bei seinen Pferden."

Gutschow hat Kerbella nach einem großen Vorbild geformt - den Gestüten in Louisville, Kentucky. Der Pferdesport hat dort einen hohen Stellenwert, 150 000 Menschen besuchten in diesem Jahr das Kentucky Derby. Als junger Mann wollte Gutschow in dieses Pferde-Eldorado auswandern, doch eine Krankheit verhinderte das. So blieb es nur bei Reisen. "Im Umkreis von Louisville findet man Gestüt an Gestüt", erzählt er, "kilometerweit fährt man an weißgestrichenen Holzzäunen entlang. Dort möchte man doch leben - oder wenigstens begraben sein."

 

Quelle: Hamburger Abendblatt erschienen am 26. Juni 2003