29.07.2005 Bad Doberan

Start eines Rennens des Ostsee Meeting 2005
Start eines Rennens des Ostsee Meeting 2005

Ja, Doberan hat Spaß gemacht, wenngleich man sich im Umland ein paar mehr Hinweisschilder als Wegmarkierung wünscht. Was ganz abgehobenes scheint das Prunkhotel Heiligendamm zu sein; eine Mischung aus Frank Lloyd Wright und Albert Speer, dazwischen Spuren von KdF und Gottfried v. Cramm. Wer da wohl wohnt, was die da wohl machen den lieben langen Tag?

 

Das Geläuf ist das beste in Deutschland, das ich je gesehen habe, ganz außerordentlich gepflegt und manikürt. Die Verpflegung am Platz ist allerdings katastrophal, was Geschmack und Präsentation anlangt. Nicht nur dieser skurrile Wildschweinsbraten, auch  die Würste fetttriefende Ungeheuer, in wattige Teigkissen gebettet und mit gelben und roten Substanzen verschmiert. Dito der Fisch, wieder diese grauenhaften Einpackhilfen. Fragen nach ordinären Pappuntersetzern wurden verständnislos quittiert, als hätte man nach einem Extralöffel Beluga Kaviar gefragt. Hingegen die Erzeugnisse aus dem Hause Lübz Spezial Pilsbierbräu sind erfrischend und bekömmlich.

Es war warm. und schwül. Gegen späteren Abend tat sich von westen her ein Bild auf, an welchem Passionsspielleiter und Arno Schmidt ihre helle Freude gehabt hätten: allerdramatischste Himmelserscheinungen in düsteranthrazit und ockerbraun dräuend herankeuchend, um dann wie von des Herrn Hand gesteuert just über der Rennbahn sich nach rechts und links teilend vorbeizuhasten. Außer ein paar Schirmchen hat es die Rennbahn verschont, wohingegen im Norden und Süden Land unter war. Schwein gehabt. Der beliebte Photograph Sorge jun. hat das ganze Spektakel geistesgegenwärtig zu spektakulären Gegenlichtaufnahmen genutzt, der gute. Der Festspielleiter Göntzsche trat geschmackvoll gewandet mit Strohhut auf, wohingegen ich den ehemaligen Schatzmeister schmerzlich vermißt habe. Der Schutzpatron v. Loeper meinte, er hielte sich eigentlich immer am Bierstand auf, aber da war er nicht. Herr Schleifenbaum, das prangere ich an!

 

Jedenfalls, das ganze hat in der Tat den oft von kompetenteren besungenen eigenen Charakter, so zwischen Dorffest und Deauville. Der Sport ist seriöser als in Harzburg, wo das clowneske doch sehr im Vordergrund steht. Die Anfahrt geht über diese neue A 20 flott, aber man sollte in Lübeck nicht auf Reserve losfahren, weil da lange nichts kommt an Tankstelle, wie auch in der Eifel, wenn man von Köln nach Bitburg fährt. Dafür wird alle naslang die Länge von Brücken angezeigt, als wenn es sich hierbei um besonders interessante Wissenschaften handelt, die begierig nachgefragt werden. Brücke Fuchsgrund etwa an 328 Meter oder waren es 329? Wenn man dann dem gut gemeinten Rath folgt und eine Ausfahrt  vor Doberan runterfährt, geht es dann doch teilweise sehr DDR mäßig zu, vertraut aus Nachwendezeiten und sympathisch, weil diese Alleen mehr für Fortbewegung fontanescher Prägung ausgelegt sind. Und das schönste: kein einziges Trauerkreuz am Wegesrand! Sehr ungewöhnlich. aber dann siegt leider doch das Konzept der Umgehungstangente und des integrierten Aldilidlpennybetriebshof, gemildert wiederum von dieser schnaufenden Antiquität, die die Straßenbahn von Soller locker wegmacht. und schon grüßt traulich der Parkplatz mit schattigen Abstellmöglichkeiten.

 

Die Pferde auf der Zielgerade des Doberaner Rennverein
Die Pferde auf der Zielgerade des Doberaner Rennverein

Die Bäume auf dem Parkplatz hat nämlich ein vorausschauender Landschaftsgärtner im vorletzten Jahrhundert gepflanzt, sehr akkurat in Reih und Glied und richtig ahnend, was da dermaleinst in sommerlicher Gluthitze für Blechschachteln stehen würden. Aber nochmals rasch zurück zur anfahrt: während die Autobahnen der westdeutschen Arbeitsgemeinschaft eindeutig vom Passat Kombi tdi in silber, schwarz und manchmal blau dominiert werden - es fahren fast ausnahmslos Männer mittleren alters zügig von a nach b damit -, sieht es auf der A 20 ganz anders aus; da rauschen Unmengen von hübsch herausgebrachten dreier BMW, Golf und Corsa umher, allesamt mindestens neunte Hand 1a gepflegt, selbst tiefer gelegt und sparsam mit streifen beklebt, und in jedem fall auch akustisch ein Leckerbissen. Topmodel ein Twingo mit zwei!! ofenrohrgroßen Auspüffen. Innen ebenfalls viele Männer, aber eindeutig jünger und mit kurzem Haarschnitt, wahrscheinlich, um bei geöffnetem Fenster dem Schall besser lauschen zu können. Manchmal sitzen auch viele junger Männer drin, die fahren dann oft gemeinsam von der Bundeswehrarbeit nach hause und trinken schon mal eine Dose Pilsbier unterwegs, zur Sicherheit. Man wünscht diesen tapferen jungen Leuten buena ventura!

Dann aber leidet der Reisende oft unvermittelt Hunger und Durst, und nun ist die Gefahr groß, zu verhungern oder zu verdursten oder beides, denn in diesem Landstrich gibt es nur sparsam verteilt und versteckt Gasthäuser oder Restaurants oder Schnellimbisse oder Schlachtereien oder Tankstellen oder Nebbchenbuden. Nüscht. Ich denke mir den Fall so, daß man richtig erkannt hat, daß die örtliche Feinschmeckerei so recht nicht vorwärts kommt, und man daher besser daran tut, dem Gast diese Peinlichkeiten gleich ganz zu ersparen. Wer überlebt, wird das nächste mal Proviant mitnehmen und ist dann auf der sicheren Seite. Letztlich ist so allen gedient.

 

Ein sehr ernstes Thema bei Rennsportveranstaltungen ist leider zunehmend die fragwürdige Hutaufsetzerei mit Bewerb um den schönsten bzw. die schönste Trägerin. Was man da sehen mußte veranlaßt zu der Sorge, daß die Spiegel blind und die Blindenhunde taubstumm sind. Wie kann man so auf die Menschheit losgehen? Fragwürdige Materialien konkurrieren mit wurstpellenähnlichen Kleidungsstücken um die Wette, oft dazu die Träger tief in das weiche Fleisch sich grabend, mühsam haltend, was altersbedingt nach unten will. Da spricht es Bände, wenn dieser Wettbewerb mangels ernsthafter Konkurrenz an den Impresario Göntzsche ging, dem der Strohhut eine fast südländisch anmutende Eleganz verlieh. Wobei er natürlich in der Abteilung bestgekleideter Mensch ganz klar - wie auch alle anderen - gegen Herrn v. Loeper verlor, dessen alterslose Eleganz jeden Firlefanz vermeidet und doch stets heiter und beschwingt daherkommt. Wobei das ganze Ensemble vorteilhaftes um den Stocksitz erweitert und komplettiert wird, den der rüstige Nobelmann wie selbstverständlich bedient. in Herrn v. Loeper hat der deutsche Rennsport seine einzige international auf Gruppe I ebene vorzeigbare Figur. Mit Abstand dahinter Herr Hubertus F.. aus Bremen in gewohnt souverainer Aufmachung, besonders das tadellos sitzende Brusttuch verdient Anerkennung, Sowie Herr v.d. Recke, der den englischen Landmann sehr korrekt gibt. Leider gaben zwei andere Herren diesen Typus total verhuscht, denn ein Daks Sakko mit Ellenbogenleder reicht nicht aus, den Mangel an Rennsportfachkompetenz zu übertünchen, der sich aus dem ihrem abgelauschten und angestrengten Dialog ergab: beide wahrscheinlich Alteigentümer und Wiederherren auf irgendeinem Schloß in der nähe, mußten sie doch das Thema Galopprennsport durch ab- und vorlesen lesen des Textes aus dem Programmheft bestreiten. Am unteren Ende der Kostümskala diverse Herren mit schwarzen oder schwarzähnlichen und jedenfalls düsteren Hemden, teilweise weiter verunstaltet durch Werbeaufdrucke an den Kragenecken und Schlipse, die in ihrer ganzen Unglaublichkeit alle Scheußlichkeiten des Fußballtrainers Toppmöller weit in den Schatten stellten. Schwarzer Grund mit lila Rauten und silber Streifen, made to measure for german democratic republicans.

Ansicht der Rennbahn Bad Doberan
Ansicht der Rennbahn Bad Doberan

Zum beschaulichen Beschlusse noch einige persönliche Anmerkungen des Berichterstatters, der wie ne Sau im Pelz geschwitzt hat und dem das klamme Hemd unangenehm aus dem Hosenbunde quoll; also, den besten Schwatz gab es wie oft mit dem Herrn Hubertus F. aus B., der ganz hervorragende Döntjes aus dem Rennsport zum besten gibt, sehr gern Cigarillos teilt und natürlich auch auf der Bismarck Schule zu Hannover sein verdientes Abitur gemacht hat, womit wir nicht nur den Vornamen, sondern auch die Alma  Mater gemein haben. Leider war seinem Flash Dancer der Sieg nicht vergönnt. Dem großmächtigen Daily Impact leider auch nicht, aber der olympische Gedanke zählt.

Ein neuer Pausenclown hat sich auch gezeigt, ein Lottoclown, eine richtige Zelebrität, wenn man den zahlreichen Damen traut, die sich nicht entblödeten, mit diesem wuchtigen Manne abgelichtet zu werden, Arm in Arm. Was macht der nur hauptberuflich, malt der die Zahlen auf die Lottobälle, hilft der beim austüfteln der ungeradesten Zahlen der Woche? Unfaßbar, gewandet wie ein Donkosak in scharlachrotes Samtbams und knatterschwarzen Rest.

Ein anderes Schwergewicht hatte seinen burlesken Auftritt, der Conferencier und Wettanimateur Helmut Kappes. In Hamburg noch hanseatisch distinkt, war jetzt mehr die komödiantische Seite gefragt, und einmal ging dunkel die Rede von einem Gaul,  „der steht soweit raus, da kann der Jockey in der Geraden schon die Bild Zeitung von morgen lesen, wie er gestern gewann“, oder so ähnlich unauslotbar. Ganz ganz großes akustisches Kino, sogar der Trainer Rohne war hellauf begeistert. Schade nur, daß die vielen vielen unverlierbaren ganz weit hinten oft waren, speziell auch der aus der Bild Zeitung von morgen, obwohl, gut aussehen tat der, doch doch.

Über allem lag der würzige Duft von frisch gedroschenem Getreide, das Bauer Piepenbrinck gelassen nebenan verarbeitete. Sozusagen ein naturbelassenes Biodeo gegen die fettigen Ausdünstungen der Garküchen. Die schmackhafte Spelzen auf den Speisen waren umsonst.