Von Vorne

In Dortmund ist die Zeit stehen geblieben, vor etwa 100 Jahren, aber so genau muß man das nicht wissen. Man kann mit der Eisenbahn von Altona direkt nach Dortmund Hbf fahren, das dauert etwa drei Stunden. Dann sollte man nicht versuchen, sich Auskunft in diesem Auskunft Container der DB zu holen, wie man nun nach Wambel zur Rennbahn mit Nahverkehrsmitteln kommt, weil der Schalterbeamte grundsätzlich dazu nichts sagen möchte, sondern barsch an einen Kollegen am Service-Point um die Ecke verweist, womit die polyglotte Sprachwelt der Deutschen Eisenbahn wieder hervorragend zur Geltung kommt. Als nahtlose Fortsetzung der bi-langual Announcements der Zugbegleiter, Sie wissen schon, Trains to Stralsund from platform 3 at 4 minutes past noon via Lengede and Demmin. Es geht dann mit der U-Bahn Linie 47 zum Zentralfriedhof, und von da etwa 15 Minuten zu Fuß. Der Gang an der Bahn entlang offenbart die Zeitlosigkeit der Anlage aus dem 19. Jahrhundert; verwucherte und verwunschene Backstein Ensemble, mit Sandpit zum Wälzeln der Pferde, dazwischen Rauputz in Staubgrau und Antennen Schüsseln neben Wäscheleinen und alten Blechdosen im Gebüsch. Nichts Modernes außer den Satelliten Schüsseln stört diese Idylle, dann kommt noch diese Restauration mit dem Häuschen und dem Vorgarten, und dann der Pferdelieferanteneingang. Was für ein Gedränge, was für wunderhübsche alte Schilder mit diversen Hinweisen und in Sütterlin, fast. Der Johannsmann war schon da, hatte alle drei aus Warendorf angeliefert, so daß angerichtet war, wie der Trainer Fanelsa mal sehr schelmisch nach einer Abschlussgrasarbeit für Baden Baden bemerkte (das betreffende Pferd war dann sehr richtig mit Nase in einem 18er Handicap geballert). Herr Fanelsa, Hubsi, war gestern auch da, wie immer beleidigend gut gekleidet inklusive einem Trillby, der wie angewachsen auf dem Charakterkopf thronte. Als ich dann noch korrekt Solidario als meinen Schlenderhahner Favoriten identifizierte, gab`s kein Halten der Namensbrüder mehr, die zusätzlich auch noch auf derselben Lehranstalt ihre Matura verdienten.

 

Nun hatten sie früher in Wambel diesen netten kleinen Laden neben dem Eingang, in diesen Holzgebäuden, da konnte man Sattelzeug und Kappen und Galoschen kaufen und sogar Feuerzeuge mit Enblemen berühmter Farben; der ist leider futschikato. Ersatzlos gestrichen. Stattdessen gibt es eine Ladenpassage ähnlich dem Alstervergnügen, mit Buden und Butzen, wo sie Brot verkaufen und Stullen und Kakao und Pizza und keine Kartoffel Puffer, sondern nur Pommes Frites. Dann kommt der Profistand eines sehr engagierten Wurstbraters, der diesen Beruf in den Stand einer exakten Wissenschaft erhoben hat. Die Würste werden von geschultem Fachpersonal nach einem ausgeklügelten Rotationssystem auf dem Rost in verschiedenen Hitzezonen hin- und her geschoben, und dann nach Erreichen der gewünschten Bräunung dem Chef zugeschoben, der sie dann wieselflink abverkauft, wie es in der Abverkaufsbranche gerne heißt. Das Ergebnis kann sich essen lassen.

 

Es gab auch wieder eine Ansammlung von Festzelten, abgeschirmt von den normalen Besuchern, wo sie unter sich saßen und teilnahmen, wahrscheinlich die Abverkaufskanonen des Sponsors. Manchmal verirrten sich diese Leute auf den Sattelplatz, wo sie dann sehr interessiert das Geschehen auf dem grünen Rasen verfolgten. Davor stand ein Merzedes Benz Auto hochdramatisch mit offenen Flügeltüren und dem Tacho bis 500, der aber bereits verkauft war. Ein Hoch auf die Sponsoren!

 

Die Attraktion des Renntages war natürlich Christophe Soumillon, der sogar Autogramme gab, aber nicht gewinnen konnte. Ein sehr professioneller Reiter, wie man tags zuvor in Auteuil bewundern konnte, wo er sein erstes Hindernis Rennen gleich mit der halben Bahn und in Gruppe I gewann. Jedenfalls ritt Herr Soumillon, und das Geläuf machte ganz im Gegensatz zur Bebauung des Geländes einen hervorragenden Eindruck. Im Innenraum tummelten sich surreal eine handvoll Amateurgolfer, die ohne irgendein Verständnis für die Veranstaltung Pferdrennen halbhohe Chips entgegen der Fahrtrichtung übten; ein slice, und der erste der Kavalkade kriegt einen Golfballi in die Fresse. Unfaßbar. Leider sieht man diese Golfer mittlerweile auf vielen Rennbahnen während der Veranstaltung ihre Hooks und Slices ins Gelände ballern.

 

Also Herr Soumillon ohne Sieg, und auch die Behinderung durch Illo hat daran nichts Entscheidendes geändert, so daß ich die Entscheidung der Rennleitung, den Sieger Illo hinter Scolari zu setzen, richtig finde. Daß die unbeteiligte Norderney dadurch gewann, das ist dann eben so. Illo ist Scolari eine Walze breit vor die Füße gelaufen, Soumillon hat das für jedermann sichtbar deutlich zum Ausdruck gebracht, und somit hatte es sich. Davor begann der Renntag charmant und beschwingt mit dem Sieg von Bonfire Night, den Filip Minarik sehr entschlossen vorne galoppieren ließ, was genau die richtige Taktik war. Manche Pferde brauchen einfach mal nen freien Kopf. Statt dieser ewigen Rumeierei mitten im Feld. Damit hatten wir uns dann auch ein PKW Mitfahrticket bei den reizenden Besitzern Catrin und Jim gesichert. Dann gewann Herr Trainer Sprengel sofort wieder, wodurch er gezwungen war, sein Bier zügig zu leeren, weil ja nun gleich noch mal eine Siegerehrung stattfand. Und der Pilsbierstand ist doch entfernt von der Waage, bestimmt hundert Meter oder 120. Unser Augenstern brauchte auch kein Rumeiern im Feld, genau genommen wollte er das noch nie, sondern nahm wie gewohnt resolut die Stangen, wie die Traberleute diese Taktik nennen. Ein rechnender Trainer möchte natürlich gerne das Marschieren im Pulk üben, und die ratio diktiert diese Taktik, aber ehrlich gestanden, was gibt es schöneres für die Besitzer, als einen, der vorne mit Bock und Verve und fliegender Mähne galoppiert, und der sowieso nur zum Preis des pullens zu bremsen ist? Sie hatten ihn auf 13 runtergewettet, ziemlich albern in einem Handicap mit 16 Pferden, aber er hat die Wetter belohnt. Mehr kann man nicht verlangen. An dieser Stelle müssen jetzt endlich auch die Etablissements Mundry in ihrer personellen Gesamtheit gelobt werden. Alle die da waren und sind gehen mit großem Herz, Verstand und Fleiß diesem schweren Gewerbe nach. Dafür sind wir sehr dankbar, wie auch Norman Richter, der Durban Thunder so gut versteht und reitet. Jetzt ist die Hoffnung, in Hamburg anzuspannen, wenn’s geht als Wochenendtandem mit Earl of Winds. Warum macht Rennsport soviel Spaß? Darum!

 

 

 

 

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Kommentare: 7
  • #1

    j.w. (Montag, 21 Juni 2010 20:11)

    ich wollt ja ned unbedingt als erster gratulieren.aber wenn sich sonst keiner traut....
    also gratulation für das tolle rennen und hals und bein für hh oder sonstwo und überhaupt. ich freu mich einfach mit !!!

  • #2

    di (Montag, 21 Juni 2010 20:22)

    herzlichen dank, ginge mir genau so! wir bayern müssen zusammen halten.

  • #3

    Judge (Dienstag, 22 Juni 2010 10:49)

    Gratulation zum Sieg und zu diesem Pferd und natürlich zur Geduld.
    Aber auch ein herzliches Dankeschön für einen wiedereinmal sehr gelungenen "Reisebericht"

  • #4

    veltheim (Freitag, 25 Juni 2010)

    Was sagt Uns daß ?
    Man kann auch an spätreifen Pferden
    viel Freude haben .Das sollte einigen
    zu denken geben!

  • #5

    Catrin (Mittwoch, 30 Juni 2010 11:46)

    Aber Hallo - auch von uns an dieser Stelle nochmal einen herzlichen Glückwünsch. Gut, dass Ihr die olle Rückfahrt ohne Schaden überstanden habt :)

    viele liebe Grüsse
    Cat + Jim

  • #6

    di (Mittwoch, 30 Juni 2010 13:29)

    hat doch wirklich spaß gemacht, sogar mit besonderer note!

  • #7

    surumu (Mittwoch, 07 Juli 2010 00:15)

    Zu allererst Glückwunsch zu dem tollen Pferd, das hoffentlich seinen Besitzern noch sehr viel Freude bereitet und dann auch noch ein großes Kompliment an den grandiosen Schriftsteller. Habe den Beitrag jetzt schon mehrmals gelesen und erfreue mich immer wieder an der unglaublichen Beobachtungsgabe und der Fähigkeit dies alles so plastich auszudrücken. Weiter so und vielen Dank für die geleistete Arbeit die mit dem Ganzen verbunden it.