Frankfurter Würstchen

Man glaubt gar nicht, wie viele Leute sich für die Frankfurter Handwerker interessieren, besonders auch Kleinkinder. Die wurden in Massen von ihren Eltern über den Rennplatz geschleppt, an der Hand, oder in Bollerwagen, oder auf der Schulter. Faszinierender Andrang, und faszinierende Logistikverhältnisse. Es geht gleich mit dem Parken an, weit hinten am Ende des Schlussbogens, dann folgt ein interessanter Fußmarsch vorbei an einem Bauloch von grotesker Struktur mit halben Spundwänden und abgesägten Rohren und diversen Teilen, die einfach so rumliegen. Draußen ist der Zaun mit einem bunten Plakat verhangen, auf dem das Modell eines Hotels gezeigt wird, so ein Mittelding zwischen Aquarium und Kaserne, und drinnen servieren kleinen Asiatinnen Köstlichkeiten der orientalischen Küche exklusiv für unsere Stammgäste und Appolinaris. Diese Frankfurter Rennbahn war immer schon ein logistischer Albtraum, aber wenn es richtig voll ist, geht fast nichts mehr. Besonders die Wegführung Tribüne, Absattelring, Führring ist abenteuerlich, und jedes Pferd, das diesen Weg unbeschadet absolviert, ist gestählt für alle Zeit. Zentraler Aufenthaltsort ist dieser schattige Biergarten mit den bunten Bänken und Tischen und dem Holzhäuschen, aus dem heraus Getränke und Speisen verkauft werden. Das System ist etwas undurchschaubar, weil es zwei Fenster für jeweils Getränke und Speisenausgabe gibt, aber nur bei einem bezahlt werden kann (und bestellt), und es gibt sogar noch ein drittes Fenster, wo man das Pfand zurück bekommt. Aber nach dem dritten Anlauf hat man das begriffen, und es funktioniert. Ich empfehle vorbehaltlos sowohl die Bratwurst als auch den Apfelwein Marke Rupp, der ganz entspannt ins Glas fällt und nicht einfach nur sauer und platt schmeckt, sondern Frucht hat. Wenn man der Bedienung bei der Wurstbestellung ohne Brötchen sondern auf ner Pappe sagt, wird das nach Wiederholung verstanden. Die Wurst ist leicht und locker, die Senfflasche schmierig. Etwas abseits gab es einen sehr interessante kulinarische Erfindung auf dem Rennplatz – handgemachte Kartoffel Chips. Und das geht so: Auf einem Gestell ähnlich einer Physikanordnung in der Schule ist ein Metabo Bohrer festgeschnallt, also horizontal, und an dessen Ende befindet sich eine Art runder Igel mit kleinen Dornen, und auf den steckt der Operateur nun Kartoffeln mittig mit der Längsachse, und dann wird auf der freien Seite ein scharfes Messer fixiert, und dann geht der Motor des Bohrers los, die Kartoffel dreht sich geschwind, und der Operateur drückt die ganze Apparatur gegen das Messer, und schwuppdiwupp schält sich haarfein die Kartoffel in Girlanden und Endlosschleifen ab. Dann kommt der zweite Mann ins Spiel und tunkt diese Girlanden in blubberndes Fett, und schon sind im nu Kartoffelchips fertig. Aber es dauert dann doch recht lange, bis die beiden Köche den Brei fertig haben, weil, nun müssen diese Girlanden noch gewürzt und entfettet werden, und dann kommt noch die schwierige Arbeit des Eintütens. Alles in allem denke ich, das etwa alle zweidrei Minuten eine Tüte mit geschätzt fuffzich Gramm dieser Tüten für zweifuffzich den Stand verlassen, so daß man auf eine schwere Geduldsprobe gestellt wird. Weil die Mutti vorne in der Schlange drei Kinder dabei hat und den Gatten, und die nächste hat noch die Freunde der Kinder zu versorgen, und so geht es leicht zwanzig Minuten, bis man was hat. Aber die krossen Dinger schmecken gut.

 

Wegen der engen Verhältnisse des Platzes gibt es nur eine Stelle, die einigermaßen leicht erreichbar und verlaßbar, Sicht auf den Einlauf ermöglicht, nämlich eine Art Nock am Ende der Tribüne, am Ende des äußeren Treppenaufgangs. Wenn man groß ist, was der Fall ist, geht es von da aus ganz gut. Man steht auf einem Ausguck und hat gute Sicht auf die Anlage und den Einlauf. Aber das Ziel steht zu weit hinten, so daß die Perspektive täuscht. Die Tribüne war jederzeit brechend voll, ein ganz neues Fahrgefühl auf einer Rennbahn, und die Leute lärmten angemessen, sobald die Glocke läutete. Das gehört dazu. Insofern haben die gut zehntausend eine schöne Kulisse für die Rennen geliefert, und in der prallen Sonne sah alles sehr sportlich und bunt gewandet aus. Günter Gudert kann eines sehr gut, nämlich die Dramaturgie eines Renntages erfassen und steuern, soweit das möglich ist. Die Rede ist angemessen, zum richtigen Zeitpunkt, und die Rituale werden zügig und ohne falsches Pathos abgewickelt. Dazu gehört auch eine gute Analyse der Rennen durch Faust jun. und eine DVD mit dem Rennen für die Sieger.

 

Höhepunkt des Tages und echter Aufreger war das Rennen mit dem Fährhofer Quilali, den Eddie fast versägt hätte, weil er dachte, das Rennen ist gelaufen. War es aber nicht, sondern es mussten noch ein paar Meter gelaufen werden, und fast wäre Herr Pietsch mit seiner späten Attacke hingekommen. Das war vorne nicht so geplant. Trotzdem, der Sieger leicht Kopf kann was. Wie Viel, ist schwer zu sagen, denn er lief fast drei Sekunden langsamer als der Sieger des Sieglosen Rennens über die gleiche Distanz und bei ähnlichen Gewichten. Aber was der kann, ist auch nicht klar. Vielleicht kann er 70 Kilo, vielleicht aber auch einen Schnaps mehr, was die begeisterten Besitzer noch mehr freuen würde. Die sind dann sehr animiert wieder auf die Autobahn gefahren, und wie immer erkennt man, daß dieser Sport von der reinen Freude an der Leistung des eigenen Pferdes lebt, und von nichts anderem. Kein Geld ersetzt das, und daher geht es auch an, daß die Besitzer Jahr für Jahr Millionen reinballern. Einfach so, zur Freude und zum Gefühl, an einem großartigen Sport beteiligt zu sein.

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Kommentare: 7
  • #1

    Rennen am Weisswurstäquator (Samstag, 05 Juni 2010 10:17)

    ich staple tief, ich stapelte tief, ich werde tiefstapeln

  • #2

    amlelie (Samstag, 05 Juni 2010 15:20)

    Ist doch besser als anzugeben :-)

  • #3

    veltheim (Samstag, 05 Juni 2010 19:26)

    wer das tut,hat aber bekanntlich mehr
    vom leben:-)

  • #4

    j.w. (Samstag, 05 Juni 2010 22:12)

    gratulation und weiter hals und bein !!!

  • #5

    Vienna (Sonntag, 06 Juni 2010 10:40)

    Der Hinweis auf Drosselmeyer im Frühjahr, oder war es noch Winter: Chapeau!!

  • #6

    di (Sonntag, 06 Juni 2010 12:30)

    vielen dank! es gibt keinen lebensbereich, wo aberglaube so berechtigt ist wie im rennsport. nichts beschreien, sonst ist die fete perdu.

  • #7

    freelancer (Montag, 07 Juni 2010 12:53)

    Am 13.6. soll es ja ab 20:30 Uhr auch im ZDF ein Durban Thunder geben...