Über den Rennsport

 

Der Rennsport ist eine durch und durch elitäre Veranstaltung; das macht seinen Reiz aus, und das ist sein Problem. Geld gibt’s nur vorne, und damit ist das System fast hinreichend und erschöpfend erklärt. Man hat zum Ausgleich der gröbsten Unterschiede die Handicaps erfunden, englisch penalties genannt, wonach der bessere mehr Gewicht zu schleppen hat, aber am Grundsatz der Auslese  der Langsamsten zugunsten der Schnellsten hat das nichts geändert. Also ist jeder sein eigenes Team, jeder Besitzer läuft gegen jeden anderen Besitzer, und Mannschaftsgeist kann sich mangels Mannschaft nicht entfalten.

 

Der Reiz des Sports ist die Verbindung von Natur und Mensch, ein Schauspiel nach einer inszenierten Dramaturgie, welches sich in Bild und Ton entfaltet. Auch wenn die Hauptdarsteller trainiert und geritten werden, an der Würde und Unkorrumpierbarkeit des Vollblutpferdes ändert das überhaupt nichts, und darum ist der Sport in seinem Kern nicht zu zerstören. 550 Kilo gegen 55 Kilo, das sind die unverrückbaren Verhältnisse, und es ist schön, daß sich dieses Wechselspiel nur mit Geschick und Harmonie spielen läßt. Hier erscheint das Team dann doch noch. Ansonsten gilt für alle anderen, zukucken und mitfiebern und freuen und ärgern. Wenn das Rennen läuft, geht ansonsten nichts mehr. Das erzieht zur Demut, und daher darf man auch übermütig sein, zum Ausgleich für all die Rennen, die vergeigt werden oder wo nichts geht oder wo das Pech mitläuft oder alles auf einmal. Mit anderen Worten, es handelt sich um eine Kulturveranstaltung auf allerhöchstem Niveau, wobei den Emotionen freier Auslauf gewährt wird.

 

Insofern geht es nicht demokratisch zu, weil nur einer gewinnen kann, und daher machen wenige mit, weil es viel Geld kostet. Die anderen kucken zu. Die soziologische Grenze bildet der Führring, wobei mittlerweile allerlei Trittbrettfahrer diese Grenze aufweichen und verwischen. Aber es gibt die da drinnen und die da draußen, das ist wahr. Wobei die draußen ökonomisch wesentlich besser fahren, denn für jede Mark, die an Preisgeld zu gewinnen ist, müssen wohl drei bis vier von denen investiert werden, die Pferde halten. Man sieht, es handelt sich nicht nur um eine Sache der Kultur, sondern auch um eine der finanziellen Opfer. Wohingegen am Totalisator immerhin von jeder Mark, die gewettet wird, fast 70 Pfennig wieder ausgezahlt werden.

 

Der Hintergrund des Rennsports ist also ein tendenziell feudaler mit entsprechend historischem Personal, Edelleuten und Hochmögenden. Das hat sich zu Industriellen und sonstigen bürgerlichen Vermögenden hin gewandelt, aber im Großen und Ganzen geht es nach wie vor um die Kaste der Geldleute. So ist auch die geistige Haltung der Besitzer dem konservativen zugewandt, eine closed shop Mentalität, die daran krankt daß Geld nicht Hirn bedeutet, zumal, wenn es nur ererbt wurde.

 

Nun stößt sich der Sport an den Realitäten, die sich nicht ändern lassen, also an einer technisierten und digitalisierten Umwelt, die sich nicht um die Befindlichkeiten einer rückwärts gerichteten Veranstaltung kümmert. Der Galopprennsport hat Konkurrenz bekommen, der Totalisator als Gleichmacher der Wetterei hat Konkurrenz bekommen, und die Frage erhebt sich seit mehreren Jahren drängender, wie das alles noch zu bezahlen sei, wo doch statt mehr immer weniger im Sport ankommt. Die gewollte Einnahmequelle des Rennsports ist der Totalisator, also die vom Staat verliehene Lizenz, Wetten auf den Ausgang der Rennen anzunehmen, und davon ein viertel als Beitrag zur Finanzierung zu behalten. Diese Quelle ist weitgehend versiegt. Was nun?

 

Es wurde eine Strukturreform beschlossen, durchzuführen von einem eigens dazu angestellten Manager. Der sollte frischen Wind und frische Ideen bringen, unbelastet von internen Rangeleien und Streitereien. Unbelastet auch von Fachwissen, denn wie sich herausstellte, hatte dieser Manager bis zu seinem Amtsantritt noch niemals eine Rennbahn betreten. Nun sollte man die Strukturen kennen, die reformiert werden sollen, und weil das nicht so war und ist, hat dieser Manager keinen Erfolg gehabt. Nach zwei Jahren im Amt ist der Sport noch weiter verkümmert, und ein Ende ist in Sicht. Aber kein gutes. Es sei denn, daß die Besitzer der Rennpferde endlich begreifen, daß sie selbst diese Karre aus dem Dreck ziehen müssen, daß sie selbst die Initialzündung einer Reform finanzieren müssen, bevor neue Investoren gewonnen werden können. Der Sport muß sich attraktiver vermarkten, wozu neue Technik benötigt wird, er muß unlauteren Wettbewerb von Wettvermittlern und Buchmachern durch konsequente Zusammenarbeit mit Behörden und der Politik verhindern, und er muß Vertriebswege und Partner finden, die die technischen Möglichkeiten des IT Zeitalters effektiv nutzen. Das alles kostet Geld und braucht Personal, vor allen Dingen aber die Einsicht, daß es anders nicht geht. An der Spitze des Sports wird das Problem Personal besonders deutlich: Ein Politiker als Präsident, der ebenfalls wie der Manager keinerlei Bindung zum Sport hatte und hat, und dessen Fähigkeiten, den Sport adäquat zu präsentieren, verschwindend gering sind. Wer dazu berufen ist, eine Sache bei Deutschen Politikern und Behörden und bei Europäischen Politikern und Behörden zu vertreten, sollte diese Sache verstehen.

 

Der Sport braucht auch eine mediale Darstellung, die fachgerecht und enthusiastisch gleichzeitig ist. Die Sport-Welt und galopponline.de als Papier und online Medium leisten das seit langem nicht mehr; unfähige Redakteure und interessengesteuerte Kommentierung haben diese Publikationen zur Lachnummer bzw. zur Hofschranze verkommen lassen, deren Informationsgehalt gegen null tendiert. Galoppintern ist eine weitere fragwürdige Publikation, die zwischen lästiger Schnüffelei des privaten und durchaus kritischer Befassung der Problem hin und her schwankt, je nach dem, wer dort die Feder führt. Ansonsten gleicht die Darstellung des Sports in den Medien einem Flickenteppich; mal hier ein Bericht, mal dort. Meistens ohne Fachwissen zusammen geschustert und auf Nebenaspekte wie große Hüte und Sektkelche konzentriert. Der Sport fristet also in der öffentlichen Wahrnehmung genau das sattsam bekannte Klischeedasein, welches sowieso jedermann seit Jahrhunderten im Kopf hat.     

 

Es muß sich daher viel ändern im Sport, wenn er die Kurve zu mehr Prosperität und Attraktivität schaffen will. Die Zeit dazu ist abgelaufen.

 

Hubertus Schmelz

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Knut (Sonntag, 25 Januar 2009 19:17)

    Sehr interessant